O rei dos ratos no Brasil

Samba Raggae und Cultural Appropriation

Cultural Appropriation (Kulturelle Aneignung) ist in den letzten Jahren – aber spätestens seit dem Twerking von Miley Cyrus im Jahr 2013 – eine wichtige Diskussion geworden. Wer hat das Recht Muster, Gesang, Tänze, Frisuren oder Kleidungsstile zu verwenden? Dürfen weiße Menschen Rastas tragen, twerken oder westliche Modefirmen Kleidung mit traditionellen Mustern aus Tansania bedrucken? Vor allem wenn sie mit der kulturellen Schöpfung anderer Kulturen Geld und Aufmerksamkeit verdienen.
Die Grenzen zwischen Inspiration, Aneignung und Diebstahl sind außerdem oft schwammig.
Als Residenten, die nach Brasilien wohlgemerkt in den Schwarzen Teil Brasiliens gekommen sind, um sich von der Kultur inspirieren zu lassen, ist dieses Thema dann doch sehr, sehr relevant.

Die stadt der kulturellen Aneignung

Und holla wird man hier fündig – Salvador ist DIE Stadt der kulturellen Aneignung. Die Primeira Capital do Brasil wurde von den Portugiesen gegründet, auf dem Land der Indios. Bis ins 19. Jahrhundert wurden außerdem bis zu fünf Millionen Sklaven, meist aus dem heutigen Angola, nach Brasilien gebracht. Und deren Nachfahren sind bis heute prägend für die Kultur hier in Bahia: Vom Candomblé (Religion) über Musik, Instrumente, Kleidung, Farben, Bräuche, Capoeira bis zum Essen unterscheidet sich Bahia stark vom Rest des Landes (soweit wir das beurteilen können):

Der baianische „Döner“: Acarajé. Shrimps mit Pimenta (scharfe Salsa) und gebackenen Bohnenbällchen. Eigentlich füllt man die Bällchen, aber das gab am Ende mehr Sauerei bei mir.
Die Gottheiten (Orixás) im Candomblé als Puppen für Touris. Obaluaê (Der Gott der Pocken) ist definitiv mein Favorit.
Der Berimbau – ein Musikinstrument, das aus Capoeira bekannt ist, um den Kämpfern die Geschwindigkeit anzugeben.

Karneval und Samba

Neben dem geilen Essen sind zwei Einflüssen besonders zu spüren: Samba und der baianische Karneval, der übrigens der größte in Brasilien ist! Zum Karneval schreibe ich vielleicht extra nochmal was. Den können wir jetzt im November natürlich nicht erleben, aber es gibt ein sehr schönes Museum darüber.

Aber Samba! In einem Blogpost über Candeal hatte ich ja bereits was zu den Ursprüngen des Samba in der musikalischen Begleitung im Candomblé geschrieben. Der Samba ist hier in Bahia entstanden, wurde dann nach Rio de Janeiro gebracht, mit neuen Einflüssen (z.B. Polka!) vermischt und weiterentwickelt – quasi kulturelle Aneignung?

Percussion-Instrumente im Samba

Warum kulturelle Aneignung so problematisch ist, sieht man am Samba: Während es der schwarzen Bevölkerung zu bestimmten Zeiten sogar verboten war, sich am Karneval zu beteiligen, versuchten weiße Konservative sogar den Samba im 19. Jahrhundert gleich komplett zu untersagen, weil es das Image Brasiliens beschmutzen würde! Little did they know…
Und jetzt sind wir im Thema: Inzwischen ist der Samba untrennbar mit der Kultur Brasilien verbunden – und vor allem die weiße Bevölkerung profitiert davon.

Gegenbewegung: Samba raggae

Dagegen gibt es seit dem Ende der 60er hier in Bahia durch die Black Pride Bewegung die Bemühung sich den Samba wieder zurück zu übereignen (re-appropriation?). Inspiriert durch jamaikanischen Reggae (kulturelle Aneignung?) wird eine neue, langsamere Form des Samba zelebriert, der aus politischen Gründen bewusst auf einige Instrumente des Rio de Janeiro-Samba verzichtet und zudem den Sambatakt versetzt.

Und warum wissen wir das alles? Deshalb:

Nikima (rechts) beim Macaco Gordo

Macaco Gordo – Die Sendung

Durch das Goethe-Institut haben wir den Musiker und Komponisten Nikima kennen gelernt, der während des Karneval Samba-Musik macht, aber auch ziemlich talentiert im elektronischen Bereich ist.
Nikima hat uns zu der Radiosendung Macaco Gordo (Fetter Affe) eingeladen, die über die Schwarzen Ursprünge des Samba und die Bedeutung des Samba-Reggae aufklärt.
Hier könnt ihr Euch die Sendung mit uns blöde klatschend im Hintergrund anschauen:

Wir waren über zwei Stunden in den fantastischen Studios des Senders Radio Metropole FM 101.3 zu Gast. In einem extra Aufnahmestudio wurden bekannte Akteure aus dem Samba-Reggae interviewt und haben zusammen Musik gemacht – eine ziemlich tolle Runde!
Nikima war dort als Vertreter der neuen Generation zu Gast – wir waren aber auch ziemlich beeindruckt von Viviam Caroline, einem Mitglied der Banda Didá – einer einzigartigen Sambagruppe, die sich allein aus Schwarzen Frauen zusammen setzt – auch so eine Gegenbewegung und Rückeroberung, diesmal aber gegen den Machismo im Reggae.

Übrigens konnten im Publikum ausnahmslos ALLE die Samba-Songs mitsingen. Ein bisschen so wie zum Karneval in Köln auch, nur dass es nochmal viel um Liberdade geht, die Befreiung von der Sklaverei.

Hätten wir VOR der Aufzeichnung all das gewusst, was ich hier so fleißig aufgeschrieben habe, wären wir vermutlich zurückhaltender gewesen, zu der Sendung zu gehen. Immerhin hat uns aber Nikima eingeladen und ich muss ganz ehrlich sagen: Ohne die Sendung wäre mir diese Geschichte des Samba und die Geschichte der kulturellen Aneignung entgangen. Also, bleibt neugierig und respektiert die kulturellen Wurzeln!

Muito Obrigada Nikima!

Bilder der radiostation

Die Sendung wurde in Pernambués aufgezeichnet.
Das Produktionsgebäude
Wichtiges Detail: Hier gab es sogar Hühner.
Das Studio, Gäste und Musiker.
Session

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